Die Geschichte der Mühle
Vom eingeritzten Brett zur europäischen Spieltradition
24 Punkte. 18 Steine.
Eine Geschichte, die sicherer wird, wenn Brett, Kontext und Regel zusammenpassen.
Eine quellenkritische Spurensuche · Archäologie · Handschrift · Regelgeschichte
Mühlespiel im Shop ansehen Quellen und Bildnachweise
Welches Spiel untersuchen wir?
Die klassische Neunermühle – klar abgegrenzt von anderen Brettformen.
Das 24-Punkte-Brett
9 helle und 9 dunkle Steine. Drei eigene Steine auf einer eingezeichneten Linie bilden eine Mühle.
Ziel
Eine Partie gewinnt, wer den Gegner auf zwei Steine reduziert oder ihn so einschließt, dass kein regelgerechter Zug mehr möglich ist.
Je neun Steine werden abwechselnd auf freie Punkte gesetzt.
Danach ziehen die Steine entlang einer Linie auf einen benachbarten freien Punkt.
In der verbreiteten heutigen Regel darf man mit nur noch drei Steinen auf jeden freien Punkt springen.
Nach dem Schließen einer Mühle wird ein gegnerischer Stein entfernt. Geschützte Steine aus einer Mühle dürfen erst genommen werden, wenn alle gegnerischen Steine in Mühlen stehen.
Regelrahmen: moderne verbreitete Standardform. Historische Varianten werden in den Kapiteln 1283 und Regelgeschichte ausdrücklich davon getrennt.
Wann wird aus Linien ein Spiel?
Die Form ist der Anfang der Untersuchung – nicht ihr Ergebnis.
Vier Fragen an jedes Zeugnis
Je mehr Ebenen zusammenpassen, desto belastbarer die Aussage: Muster ähnlich → Fundsituation datiert → Vergleich eingeordnet → Text und Bild erklären das Spiel.
Warum Datierung so schwierig ist
Ein Brett kann lange nach der Herstellung seines Trägers eingeritzt worden sein. Ein antiker Stein macht die Ritzung daher nicht automatisch antik. Umgekehrt können Bretter aus Holz verschwinden, obwohl das Spiel weit verbreitet war.
Die Quelle trägt die Aussage direkt.
Mehrere Hinweise passen zusammen.
Form oder Datierung lassen Alternativen zu.
Die Behauptung geht über die Quelle hinaus.
Methodischer Bezug: Schädler 2018/2021; Heimann 2014. Die Einstufungen auf dieser Seite sind redaktionelle Zusammenfassungen der jeweils genannten Quellen.
Der berühmte Fehlstart
Ägypten und Ovid liefern wichtige Hinweise – aber keinen sicheren Beginn der Neunermühle.
1400 v. Chr.? Kurna / Qurna
Eine häufige Angabe: Das Datum wird oft aus dem Alter des ägyptischen Tempels von Kurna/Qurna übernommen. Doch das datiert den Stein – nicht automatisch die später eingeritzten Linien.
Ulrich Schädler zeigt, dass die Dachflächen über lange Zeit zugänglich waren und manche Ritzungen in christliche oder islamische Nutzungsphasen gehören können. Aus dem Monument allein lässt sich daher keine bronzezeitliche Neunermühle ableiten.
Befund: nicht belegtOvid · um 1 n. Chr.
Drei Steine, aber welches Brett?
Ovid erwähnt ein Spiel mit je drei Steinen, bei dem eine Reihe gebildet werden soll. Das passt zu einem einfachen Reihenspiel. Er nennt jedoch weder ein 24-Punkte-Brett noch neun Steine und beschreibt keine vollständige Neunermühle-Regel.
Befund: Dreier-Spiel plausibelWas bleibt von der antiken Erzählung?
Die antike Welt kannte viele Brett- und Reihenspiele. Das erklärt, warum ähnliche Geometrien vorkommen. Für die klassische Neunermühle ist der entscheidende Schritt aber erst getan, wenn die große Brettform in einem datierbaren Kontext erscheint – und später durch einen Regeltext erklärt wird.
Quellen: U. Schädler, Some Misconceptions About Ancient Roman Games , BGSJ 15/1 (2021), 79–97; F. Heimann 2014; Ovid, Ars amatoria III 365–366 und Tristia II 481–482.
Die große Brettform wird greifbar
Im östlichen Mittelmeerraum verdichten sich die archäologischen Hinweise.
Datierung und Deutung müssen für jeden Fund getrennt geprüft werden. Bretter mit drei ineinanderliegenden Quadraten und Seitenverbindungen werden archäologisch greifbar. Die Form ist deutlich – der damalige Name und die vollständige Regel bleiben offen.
Jerusalem · östliche Cardo
Michael Sebbane publizierte sieben eingeritzte Bretter. Eines lag auf einem tragbaren Kalksteinblock, der später in einer frühislamischen Mauer wiederverwendet wurde. Form und endgültiger Fundort gehören daher nicht zwingend ins gleiche Datum.
Klaros · Apollontempel
Auf der Unterseite eines dorischen Kapitells wurde ein Neunermühlebrett eingeritzt. Onur Zunal datiert die Ritzung nach Abbau und Zerstörung des hellenistischen Tempels ins 6. Jahrhundert n. Chr.: alte Spolie, jüngere Spielspur.
Quellen: M. Sebbane, Board Games from the Eastern Cardo , in: Jerusalem – Western Wall Plaza Excavations I (2019), 147–164; O. Zunal, Arkeoloji Dergisi 28 (2022), 175–184, DOI 10.51493/egearkeoloji.1073842.
Mühle im Norden
Zwei skandinavische Grabfunde verbinden Spielbrett, Material und datierbaren Kontext.
Årby
Das fragmentierte Brett lag auf dem Boden eines Bootsgrabes in Uppland. Der Grabzusammenhang wird um 900 datiert. Die eingeritzten Rechtecke und Seitenverbindungen passen zur größeren Mühleform.
Gokstad
Im norwegischen Schiffsgrab von Gokstad fand sich ebenfalls ein Spielbrett; die Bestattung gehört in die Zeit um 900. In der Forschung wird eine Brettseite als große Mühle eingeordnet.
Warum diese Funde mehr sagen als eine einzelne Ritzung
1 · Datierbar
Der Grabkontext setzt einen zeitlichen Rahmen.
2 · Tragbar
Es handelt sich um bewusst hergestellte Spielgeräte.
3 · Vergleichbar
Ähnliche Brettformen treten in mehreren Regionen auf.
Zwischenstand: Um 900 ist die Brettform in Nordeuropa in klaren Fundzusammenhängen vorhanden. Eine erhaltene, vollständige Regelbeschreibung fehlt weiterhin.
Quellen: Historiska museet, Årby-Spielbrett 107477_HST und Grabkontext um 900; G. Breen, Board Games from Medieval Cork in Context , JCHAS 108 (2003), 41–50; Viking Ship Museum, Gokstad ship.
Bretter aus dem Alltag
Ziegel, Schiefer und Bauwerk zeigen, wie wenig ein Spielgerät kosten musste.
Ein Spiel braucht kein kostbares Brett
Der Ziegel aus der Duinenabdij wurde im feuchten Ton eingeritzt, noch bevor er gebrannt wurde. Andere mittelalterliche Bretter sind auf Schiefer, Holz oder wiederverwendeten Bauteilen erhalten. Gerade diese einfachen Materialien sprechen für Spielpraxis jenseits repräsentativer Höfe.
Cork
12.–14. Jh.
Schiefer und Fassholz
Ormiston
wohl Mittelalter
Steinfragment; Deutung vorsichtig
Duinen
13.–14. Jh.
Ziegel vor dem Brennen
Novi Sad
13.–15. Jh.
Bretter auf wiederverwendeten Ziegeln
Quellen: G. Breen 2003; M. A. Hall, A probable gaming board from Ormiston Newburgh , Tayside and Fife Archaeological Journal 4 (1998), 145–149; A. Sajdl, Journal of the SAS 37 (2021), 125–144, DOI 10.18485/gsad.2021.37.6; Abbey Museum of the Dunes, Inv. 33880.
Jetzt sprechen Bild und Regel zusammen
Das Libro de los juegos macht aus der Brettform ein beschriebenes Spiel.
Der Wendepunkt: Alquerque de nueve
Die kastilische Handschrift aus dem Umfeld König Alfons’ X. verbindet Miniatur, Brettdiagramm und Regeltext. Damit lässt sich erstmals nicht nur die Geometrie, sondern der Spielablauf nachvollziehen.
Neun Steine je Seite
abwechselnd auf freie Punkte
entlang der eingezeichneten Linien
Dreierreihe erlaubt das Entfernen
Was 1283 erstmals sicher zusammenkommt
Bild
Das Brett ist eindeutig wiedergegeben.
Name
Der Text nennt das Spiel alquerque de nueve.
Regel
Setzen, Ziehen, Mühle und Entfernen werden erklärt.
Nicht ausdrücklich beschrieben: die heute verbreitete Springregel bei nur noch drei Steinen.
Quelle: Alfonso X, Libro de los juegos , El Escorial MS T-I-6, 1283, Abschnitt alquerque de nueve ; Edition/Kommentar: U. Schädler & R. Calvo, Das Buch der Spiele (2009/2011).
Mühle – sogar mit Würfeln
Dasselbe Manuskript zeigt: Historische Regeln waren nicht auf eine einzige Form festgelegt.
Kein Widerspruch – eine Variante
Die Würfel strukturieren in der beschriebenen Fassung erlaubte Spielhandlungen. Das strategische Dreierreihen-Spiel wird dadurch mit Zufall verbunden. Ulrich Schädler hat diese ungewöhnliche Variante textnah rekonstruiert.
Der Befund ist wichtig: Das Brett allein legt die Regel nicht fest.
Geschichte bewahrt keine einzige „Urregel“, sondern mehrere Spielweisen auf demselben Grundmuster.
Quelle: U. Schädler, Medieval Nine-Men’s Morris with Dice , Board Game Studies 3 (2000), 112–116; Alfonso X, Libro de los juegos , fol. 92r–92v.
Das Spiel wandert in den Alltag
Kirchenwand, Rasenplatz und Wohnstube hinterlassen sehr verschiedene Spuren.
In Stein · Wennington
Die Fotografie belegt Ort und Brettform. Eine präzise historische Datierung der Ritzung liefert sie nicht – der Befund bleibt daher chronologisch offen.
Als Möbel · Mainz um 1735
Der kunstvoll eingelegte Spieltisch verbindet Mühle mit weiteren Brettspielen. Er belegt, dass die Brettform auch Teil repräsentativer Wohn- und Spielkultur war.
Im Text
“The nine men’s morris is filled up with mud.”
Shakespeares Sommernachtstraum zeigt: Um 1600 war auch ein in den Boden geschnittenes Spielfeld verständlich.
Viele Namen – kein einfacher Herkunftsbeweis
Mühle, morris, merels und alquerque de nueve gehören zu verschiedenen Sprachtraditionen. Ein wandernder Name beweist noch keine unverändert übernommene Regel.
Quellen: W. Shakespeare, A Midsummer Night’s Dream II.1; A. van der Stoep, BGSJ Online 9 (2015), 9–15; Cleveland Museum of Art, Gaming Table , Mainz um 1735, Inv. 1953.284. Bildquelle Wennington: Wikimedia Commons.
Vom mittelalterlichen Text zur heutigen Form
Der Kern bleibt stabil; einzelne Regeln werden ergänzt, verändert oder regional unterschiedlich gespielt.
Was sich vergleichen lässt
| Merkmal | Libro de los juegos · 1283 | heute verbreitet |
|---|---|---|
| Steine | 9 je Seite | 9 je Seite |
| Setzen | abwechselnd | abwechselnd |
| Ziehen | auf verbundene Nachbarpunkte | auf verbundene Nachbarpunkte |
| Mühle | Dreierreihe; Stein entfernen | Dreierreihe; Stein entfernen |
| Springen | nicht ausdrücklich beschrieben | meist bei nur noch 3 Steinen |
| Würfel | eigene Variante überliefert | im Standardspiel nicht verwendet |
Warum „die Originalregel“ nicht existiert
Mühle wurde über Jahrhunderte in unterschiedlichen Regionen, Sprachen und sozialen Umgebungen gespielt. Regeltexte halten immer nur eine bestimmte Fassung fest. Für historische Aussagen muss daher klar sein, welche Regel und welche Zeit gemeint sind.
Historische Ehrlichkeit: Stabil ist vor allem der Kern aus 24 Punkten, neun Steinen, Dreierreihen und Entfernen. Bei Zusatzregeln lohnt der genaue Blick in die jeweilige Quelle.
Vergleich nach Alfonso X, Libro de los juegos ; Schädler & Calvo 2009/2011; Schädler 2000. Moderne Regelangaben beziehen sich auf die hier definierte Standardform.
Gelöst – und trotzdem lebendig
Computer beweisen das Ergebnis perfekten Spiels, nicht die Bedeutung einer Partie zwischen Menschen.
1996 · Ralph Gasser löst Neunermühle
Für ein genau definiertes Standardregelwerk zeigte Gasser mit Endspieldatenbanken und Suche: Bei fehlerfreiem Spiel endet die Ausgangsstellung remis. Untersucht wurden Größenordnungen von 10 10 Zuständen.
Was wir heute mit Sicherheit sagen können
Fazit: Mühle ist alt, aber nicht „seit 1400 v. Chr. unverändert“. Ihre belegbare Geschichte entsteht schrittweise aus Dingen, Bildern, Texten und immer neuen Regelvarianten.
Quelle: R. Gasser, Solving Nine Men’s Morris , Computational Intelligence 12/1 (1996), 24–41, DOI 10.1111/j.1467-8640.1996.tb00251.x; G. E. Gévay & G. Danner, arXiv:1408.0032.
Literatur und Bildquellen
Wissenschaftliche Grundlagen, Objektangaben und offene Bildlizenzen.
Ausgewählte Literatur
- Schädler, Ulrich (2021): Some Misconceptions About Ancient Roman Games. Board Game Studies Journal 15/1, 79–97. DOI 10.2478/bgs-2021-0004.
- Heimann, Florian (2014): The Loop within Circular Three Men’s Morris. Board Game Studies Journal 8, 51–61.
- Schädler, Ulrich (2018): Encore sur la marelle ronde. Kentron 34, 87–98. DOI 10.4000/kentron.2414.
- Sebbane, Michael (2019): Board Games from the Eastern Cardo. In: Jerusalem – Western Wall Plaza Excavations I , 147–164. DOI 10.2307/j.ctvpb3vzw.10.
- Zunal, Onur (2022): Klaros’tan Bir Dor Başlığı Altına Kazınmış Dokuztaş Oyun Tablası… Arkeoloji Dergisi 28, 175–184. DOI 10.51493/egearkeoloji.1073842.
- Breen, Gerry (2003): Board Games from Medieval Cork in Context. Journal of the Cork Historical and Archaeological Society 108, 41–50.
- Hall, Mark A. (1998): A probable gaming board from Ormiston Newburgh, Fife. Tayside and Fife Archaeological Journal 4, 145–149.
- Sajdl, Aleksandar (2021): Medieval Board Games: New Finds from Novi Sad. Journal of the Serbian Archaeological Society 37, 125–144. DOI 10.18485/gsad.2021.37.6.
- Alfonso X. (1283): Libro de los juegos , El Escorial, MS T-I-6, Abschnitt alquerque de nueve.
- Schädler, Ulrich / Calvo, Ricardo (2009/2011): Alfons X. „der Weise“: Das Buch der Spiele. Wien/Münster.
- Schädler, Ulrich (2000): Medieval Nine-Men’s Morris with Dice. Board Game Studies 3, 112–116.
- van der Stoep, Arie (2015): The Origin of Morris and Draughts by Etymology. Board Game Studies Journal Online 9, 9–15.
- Gasser, Ralph (1996): Solving Nine Men’s Morris. Computational Intelligence 12/1, 24–41. DOI 10.1111/j.1467-8640.1996.tb00251.x.
- Gévay, Gábor E. / Danner, Gábor (2014, rev.): Calculating Ultra-Strong and Extended Solutions… arXiv:1408.0032.
Bildnachweise
Titel und Kapitel Mittelalter: Abbey Museum of the Dunes / Dunensis, Ziegel Inv. 33880, CC BY-SA 4.0. · Kapitel Ausgangspunkt: Santeri Viinamäki, Morris game board , CC BY 4.0. · Kapitel Spätantike: schematische Rekonstruktionen von Wurzelhaft nach Sebbane und Zunal; keine Fundfotografien. · Kapitel Um 900: Ola Myrin / Historiska museet (SHM), Årby-Spielbrett 107477_HST, CC BY 4.0. · Kapitel 1283: Miniaturen aus dem Libro de los juegos , gemeinfrei. · Kapitel Neuzeit links: Doyle of London, Mühle-Graffiti in Wennington, CC BY-SA 4.0; rechts: Cleveland Museum of Art, Gaming Table , Mainz um 1735, Inv. 1953.284, CC0. Fotografien teilweise für das Seitenformat beschnitten; offene Lizenzen über Wikimedia Commons beziehungsweise das jeweilige Museum.
